"Ein Körper, der sich im Gleichgewicht befindet,
bietet dem Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung
auf körperlicher, geistiger und energetischer Ebene"

Dr. Ida P. Rolf

Strukturelle Integration - Rolfing

Körperarbeit nach Dr. Ida P. Rolf

"Strukturelle Integration" ist eine manuelle Körper-Behandlungsmethode. Entwickelt und über 50 Jahre lang erforscht wurde diese von der Biochemikerin Dr. Ida P. Rolf. In Anlehnung an den Namen der Begründerin wurde die Behandlungsmethode unter dem geschützen Namen "Rolfing" bekannt.

Jeder Körper hat eine Struktur. Im Idealfall ist diese Körperstruktur im Gleichgewicht, integriert im Sinne von aus- und aufgerichtet, organisiert.
Eine nicht integrierte - desorganisierte, unausgewogene - Körperstruktur äussert sich in chronischen Haltungsproblemen oder in damit einhergehenden Schmerzen.
Ziel der Strukturellen Integration/Rolfing ist es, eine desorganisierte, schlecht integrierte Körperstruktur wieder in ein harmonisches Verhältnis, im Gleichgewicht mit der Schwerkraft, zu führen:

 
 

Original-Grafik von J. Lodge: Ida Rolf, Rolfing®. The Integration of Human Structures

 

Ein gut organisiertes System, in diesem Fall eine aufrechte und effizient ausgerichtete Körperhaltung, unterstützt unser psychisches Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit.

Schwerkraft

Ausgangspunkt der Strukturellen Integration/Rolfing ist, dass es für jeden von uns eine natürliche, optimale und doch individuelle Ausrichtung gibt, die unser Verhältnis zur Schwerkraft unterstützt und erleichtert.
Wird diese Ausrichtung durch äussere Einflüsse und Lebensumstände beinträchtigt, z.B. durch Unfälle, körperliche oder seelische Traumata, dauerhafte Fehl- oder Schonhaltungen, führt dies zu inneren Spannungen, die sich als chronische körperliche Beschwerden, aber auch als seelische Disharmonie äussern.
An den Umrissen, dem Gang, der Positionierung einer Schulter oder des Beckens sind die Schwächen in der Struktur erkennbar:

 

 
 

Original-Grafik: Rolfers United 2004

 

Manche erinnern an ein Fragezeichen mit herausgedrücktem Bauch, rundem Rücken oder nach vorne gekipptem Beckenoberrand. Andere sind im Brustkorb zusammengesackt, was zu eingeengter Bewegung des Zwerchfells und somit eingeschränkter Atmung führt. Subjektiv haben jedoch alle den Eindruck aufrecht zu stehen.
Menschen mit einer integrierten Körperstruktur werden vom Boden her, durch den ganzen Körper ausgewogen unterstützt. Sie sind von der Mitte des Kopfes bis in die Füsse lotrecht verbunden. Der Körper befindet sich somit in Harmonie mit der Schwerkraft, anstatt im Kampf mit ihr. Dies ermöglicht gelöste und anmutige Bewegungen.

Faszien

Faszien (Lateinisch fascia, Band) sind feine, zähe Häute. Sie sind Teil des Bindegewebes und bilden ein Organ, welches alle inneren Strukturen des menschlichen Körpers umhüllt und miteinander verbindet. Man nennt dieses Organ Fasziennetz.
Das Fasziennetz ist multi-dimensional. Es zieht sich vom kleinsten Zellkern bis zur äussersten Hautzelle durch den ganzen Körper. Es stützt und formt den Körper, indem es Knochen, Muskeln, Gefässe, Organe, Sehnen, Bänder, Gelenkkapseln etc. umhüllt, unterteilt, verbindet und koordiniert.
Das Fasziennetz ist auch ein extrem leistungsfähiger Leiter. Kleinste Veränderungen in der Faszienspannung werden mit Hochgeschwindigkeit dem Zentralnervensystem übermittelt.
Faszienhäute verdicken und verdichten sich, wenn sie Dauerbelastungen ausgesetzt sind. Unfälle oder Verletzungen führen zu Verformungen. Auch der natürliche Alterungsprozess des Körpers hinterlässt Spuren im Faziennetz. Stütz- und Spannkraft der Faszien lassen nach.
Auf Grund ihrer biochemischen Zusammensetzung sind Faszien unter Druck und Wärme formbar. Dank der plastischen Fähigkeit der Faszie kann sie, durch gezielte Stimulation, in ihre natürliche anatomische Position zurückgeführt werden.
Die Strukturelle Integration/Rolfing nutzt und unterstützt diese Formbarkeit der Faszien. Mit gezielten Berührungen werden Spannungen in Fasziennetz ausgeglichen.

Behandlungsablauf

Die Sitzung beginnt mit einer kurzen Beobachtungsphase: Wie geht, steht und sitzt der Klient oder die Klientin?
Die Behandlung wird mehrheitlich auf einer Liege durchgeführt. Der Klient trägt dabei seine Unterwäsche und unterstützt mit gezielter Atmung oder kleinen, angeleiteten Bewegungen die Arbeit des Therapeuten.
Ideal sind zehn auf einander aufbauende Sitzungen im Abstand von zehn Tagen bis drei Wochen.

Die Skizze links ("vorher") zeigt Haltungsprobleme vor der ersten Sitzung:
Die Beine sind überstreckt, das Becken nach vorne gekippt. Die Bauchwand drängt vor. Der Brustkorb fällt zusammen und ist insgesamt nach hinten gekippt. Der Kopf muss mit einer starken Orientierung nach vorne ausgleichen. Die Atmung ist dadurch sowohl im unteren Rücken als auch im oberen Brustkorb beinträchtigt.
Kurz oder langfristig führt diese Fehlhaltung zu chronischen Kopf- und Rückenschmerzen.

Die Skizze rechts ("nachher") zeigt den Fortschritt nach 10 Sitzungen.

Wofür und für wen?

Im Zentrum der Strukturellen Integration/Rolfing steht die Verbesserung von Haltung und Bewegung.
Erreichbare Ziele sind:

  • verbesserte Beweglichkeit
  • Erleichterung der Atmung
  • aufrechtere Körperhaltung
  • körperliche und seelische Stabilisierung
  • Erleichterung der Bewegung (weniger Anstrengung beim Gehen, Aufstehen, sich Setzen)

 

Folgende Symptome können Hinweise sein auf Unausgewogenheiten in der Köperstruktur:

  • Rücken-, Nacken-, Kopfschmerzen
  • Chronische Verspannungen
  • Bewegungseinschränkungen

 

Strukturelle Integration/Rolfing ist für Menschen jeden Alters geeignet:

  • nach Unfällen oder Sportverletzungen
  • bei einseitigen beruflichen Belastungen (Arbeiten am Computer, schwere Körperarbeit, Sport, Musik etc.)
  • präventiv, für ein gutes Körpergefühl  und seelisches Wohlbefinden

Dr. Ida P. Rolf

Dr. Ida P. Rolf wurde am 19. Mai 1890 in Brooklyn, New York geboren. Sie war eine der ersten Frauen, die in den USA ein Doktorat der Columbia University in Biochemie erwarb.
Sie arbeitete zwölf Jahre lang am Rockefeller Institut in der Abteilung für Chemotherapie und Organische Chemie. Später studierte sie Mathematik und Nuklearphysik in Zürich sowie Homöopathische Medizin in Genf.
Unzufrieden mit den seinerzeit üblichen medizinischen Behandlungsmethoden begann Dr. Ida P. Rolf in den 1930er Jahren Osteopathie, Chiropraktik, Tantrisches Yoga, Alexandertechnik und Korzybski's Arbeiten zum Thema "Bewusstsein" zu erforschen. Im Laufe ihrer Studien und der praktischen Arbeit mit Menschen entwickelte und verfeinerte sie ihre Methode, einer fehlerhaften Struktur des Körpers entgegenzuwirken und damit körperliche und seelische Probleme zu mindern. Sie selber nannte ihre Methode «Strukturelle Integration». Bekannt wurde die Behandlung v.a. unter der Bezeichnung «Rolfing».
Während der 1950er und 1960er Jahre erlangten Dr. Ida P. Rolfs Erfolge einen solchen Bekanntheitsgrad, dass Fritz Perls, Begründer der Gestalt Therapie, sie ans Esalen Institut nach Kalifornien einlud, wo sie die ersten Ausbildungen in Struktureller Integration leitete.
In den 1970er Jahren gründete Dr. Ida P. Rolf ihr eigenes Institut In Boulder, Colorado.
Sie starb 1979.
Es gibt einige Schulen, welche Dr. Ida P. Rolf's Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Schwerkraft fortsetzen, zwei von ihnen seien hier besonders erwähnt, die Guild for Structural Integration und das Rolf Institute.

Links und Literatur

 

Rolf Institute (Colorado, Boulder)

 

Diego Albertani, Horgen

Ales Urbanczik, Feldmeilen

 

Ida Rolf Interview (SOMATICS, 1979)

Rolfing, a Painful Form of Massage, Regains Popularity (NY Times, 2010)

Ein neues Kapitel der Heilkunst? (GEO Nr. 05/2017)

 

Ida P. Rolf, Rolfing im Überblick. Physische Wirklichkeit und der Weg zu innerem Gleichgewicht. Junfermann 1993.

Peter Schwind, Alles im Lot. Eine Einführung in die Rolfing-Methode. Droemer/Knaur  1994 (2004).

Hans G. Brecklinghaus, Rolfing - Strukturelle Integration. Was die Methode kann, wie sie wirkt, und wem sie hilft. Lebenshaus Verlag 2015 (6. Aufl.)

Hans G. Brecklinghaus, Rolfing. Strukturelle Integration für Kinder und Jugendliche. Lebenshaus Verlag, 2005.